Neue Zeiten?
29.11.2006
Tut sich da etwa was bei den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunktanstalten (ÖR)? Könnte man ja fast meinen, wenn man den Worten der zukünftigen WDR-Intendatin Monika Piel Glauben schenken darf. Zumindest hat sie dem Focus so ganz nebenbei einige sehr interessante Aussagen geliefert und diese in den darauf folgenden Tagen nicht eingeschränkt.
So will sie Sehenswertes nicht mehr länger ins Nachtprogramm verbannen sondern den Mut zu „Wut“ haben, also — etwas allgemeiner gesprochen — Reizthemen zur besten Sendezeit anbieten. Das Sonsoring nach 20.00 Uhr hält sie — mit kleinen Einschränkungen zwar, aber man soll es ja auch nicht gleich übertreiben — für fragwürdig. Als Sahnehäubchen bemerkt sie dann noch, dass die ÖR die guten eigenen Leute in jüngeren Jahren an die Privaten verliert und sie von dort dann nach ein paar Jahren für ordentlich Fernsehgebühren wieder zurückholt.
Da könnte man doch fast meinen, Frau Piel habe unser Mahnen gehört. Aber - um auf dem Boden zu bleiben - vielleicht ist Frau Piel als langjährige Mitarbeiterin des WDR von ganz allein auf die Frage gekommen, was die ÖR von den privaten Sendern unterscheiden sollte. Eben nicht nur der Umstand, dass der Bürger dafür monatlich Geld bezahlt. Sie nennt zwei Grundtugenden: Die Entkopplung von Wirtschaftsinteressen und den Mut zur Kontroverse. Für den Anfang nicht schlecht. Das lässt hoffen. Vor allem, dass sich der Plan jetzt nicht noch ändert. Denn mit Vorankündigungen ist das so eine Sache. Bedenkt man, dass sie designierte Chefin des größten offentlich-rechtlichen Senders ist, könnten solche Äußerungen bei einigen „Altvorderen“ nach Revolte klingen. Und Revolutionäre werden eher selten in dieser Funktion alt.
Jetzt müssen wir uns aber schon wieder auf den Boden zurück holen. Denn womöglich messen wir losen Bemerkungen in einem Interview einfach viel zu viel Potential bei. Immerhin gab es ja bei der letzten Ministerpräsidenten-Konferenz auch jemanden, der gegen die PC-Gebühren war. Den Applaus vieler hatte er gewiss. Allerdings wurde Freiherr von Münchhausen auch mehr durch Erzählungen als durch Taten bekannt. Wer verbal auf Kanonenkugeln reitet, führt häufig ein eher biederes Leben und arrangiert sich. Oder weiß genau, dass gefahrlos von Utpoia geplaudert werden kann, wenn keiner mitmachen will. Das macht den Erzähler zum Volkshelden, ohne Schaden für die persönlichen Arrangements.
Wir wollen mitmachen Frau Piel und freuen uns auf Ihren Dienstantritt. Zumindest der Klang ihres Namens weckt Assoziationen, die uns auf Ihr Durchsetzungsvermögen hoffen lassen.

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