Drama, Baby!
28.09.2007
Die Aufholjagd hat begonnen. Das ARD setzt dabei offenbar auf Qualität in Form von aufstrebenden Werbeträgern.
Kennen Sie Bruce Darnell? Ein drahtiger, deutsch-radebrechender Model-Trainer als Retter des Vorabend-Programms. So sieht also die Ansprache an die junge Zielgruppe aus. Offenbar will sich die ARD dem Trend nicht länger verschließen und das Vorabendprogramm auf das Niveau der deutschen Schulbücher heben. Oder heißt es „senken“?
Es soll halt „flashen“. Ein ehemaliger Falschirmspringer, Ex-Model und „Heidi“-Juror ist offenbar das Ideal, an dem es sich zu messen gilt. Welchen Tiefgang der neue Medienstar hat, lässt sich auf seiner Homepage schnell erkunden. Die sollten sich die ARD-Entscheider vielleicht vorab auch noch mal schnell anschauen. Da lässt sich auf vier verschiedenen T-Shirts im Shop das Kondensat an Weisheit erwerben. Herr Darnell wird die ARD jedoch sicher mehr kosten als vier bunte Hemdchen.
Doch damit nicht genug. Sogar erst kürzlich wieder für viel Geld eingekaufte, aber dann doch in Ehren ergraute Recken wie Harald Schmidt werden „jung gespritzt“. Er muss demnächst eine Co-Moderation mit Herrn Pocher ertragen. Pocher selbst hat die Zeichen der Zeit erkannt:
«Ich nehme die sportliche Herausforderung an, mit Herrn Schmidt und neben Herrn Silbereisen den Jugendwahn bei der ARD weiter voranzutreiben.»
Weise gesprochen. Die „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ sieht das ähnlich, aber irgendwie anders:
«Oliver Pocher steht für eine junge Zielgruppe und wird der Sendung neue Impulse geben können.»
Der Impuls könnte natürlich sein, dass die schwindenden Harald-Schmidt Treuen jetzt noch schneller die Kurve nehmen, denn Herr Pocher ist - vorsichtig gesprochen - „anders“ und nicht gerade für Derb-Feinsinniges ala Schmidt bekannt. Im Gegensatz zu den Privaten wird die ARD die angekündigten 22 Folgen vermutlich in jedem Fall durchziehen; das reicht nicht nur, um etwas aufzubauen … .
Beim Polit-Talk scheint sich bereits ein Trend abzuzeichnen. Die Zeiten, in denen Moderatoren „Zeit“ hatten, scheinen wirklich vorbei. Es wird nur noch zwischen „Perfekt“ und „Tschüß!“ entschieden. Aber die Lösung für das sich womöglich abzeichnende offene Zeit-Loch am Sonntag Abend ist allen Entscheidern der ARD völlig klar: Bruce Darnell und Oliver Pocher bewerfen sich eine Stunde lang mit Zoten und „Das ist der Wahrheit“.
Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Innovation stünde den Öffentlich Rechtlichen gut zu Gesicht. Das ist „Auftrag“. Den Privaten die Quoten-Blitzer wegzukaufen, bevor sie im Meer des Vergessens untergehen, lässt sich bei objektiver Betrachtung nur bedingt als eine progressive Taktik verkaufen.
Die wirklich innovativen Dinge hält man bei der ARD gern verborgen. Keine Medienpauke und verschämte Nachtversendung. Denn dass man mit Katrin Bauernfeind ein wirklich neues Gesicht gewonnen hat, das jetzt in Polilux eine Chance erhält, das wissen nur die Insider. Immerhin steht es dort auf der Startseite. Die hat die total offensichtliche Adresse „http://www.rbb-online.de/_/polylux/startseite/index_jsp.html“. Die irgendwie naheliegende Adresse „polylux.de“ hat sich vor wenigen Monaten eine Firma aus Grimma gesichert.
Fassen wir mal zusammen: Die ARD will die Jugend, sie will in die „neuen Medien“. Aber das mit Gesichtern der Privaten oder so, dass man das wirklich Neue nicht findet. Interessanter Ansatz.

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