Grundversorgung (Teil II)
26.10.2009
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was eine „Grundversorgung“ ist?
- Für einen erwachsenen, allein lebenden Harz IV-Empfänger sind es 359 Euro Regelsatz und ein Dach über dem Kopf.
- Stellt man die Anzahl der Sozialhilfeempfänger den „normalversorgten“ Bürgern gegenüber, sind rund 10% der Bevölkerung „staatlich grundversorgt“.
- Stellt man das Durchschnittsgehalt von 1588 EUR (netto) dem Regelsatz gegenüber, entspricht die „Grundversorgung“ 22,6% des durchschnittlichen Verdienstes der Bevölkerung, also rund ein Fünftel.
- Stellt man den Umsatz der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ÖRRA) von rund 8,5 Milliarden Euro dem Umsatz aller(!) privaten Rundfunkanstalten gegenüber, kommt es zum Patt: Die Kosten der „Grundversorgung“ hat einen Anteil von ca. 50% am gesamten Geldvolumen.
Bei diesen Zahlen drängt sich unweigerlich die Frage auf, wo Grundversorgung aufhört und Überversorgung, bzw. „Normalversorgung“ beginnt. Bezogen auf das Umsatzvolumen der ÖRRA fällt es schwer, die Hälfte des Gesamtvolumens als „notwendig“ anzusehen. Muss wirklich jedes Bundesland gleich mehrfach Frequenzen auf Satelliten belegen oder mehrere Radiostationen betreiben? Muss wirklich jede noch so schmale Sparte (z.B. Digitalradio … ) von den ÖRRA versorgt werden?
Hält man dagegen, dass statistisch jedes sechste Kind in Deutschland in Armut lebt (=16,7 %), ist es irritierend, wenn das offenbar noch nicht grundversorgt werden muss: Die Kinderarmut gibt es trotz Harz IV. Bunte, öffentlich-rechtliche Bilder haben offenkundig eine stärkere Lobby.
Wobei diese Zahlenspiele fraglos auf von uns nicht nachprüfbaren Zahlen basieren. Insbesondere die ÖRRA haben ein sehr großes Geschick darin entwickelt, Zahlen ohne Wert bedeutungsschwanger in Umlauf zu bringen. Ein Paradebeispiel sind die gern und oft zitierten „Online-Studien“. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt:
»62 Prozent (2008: 55 Prozent) aller Onliner rufen Videos, zum Beispiel über Videoportale oder Mediatheken, ab und schauen live oder zeitversetzt Fernsehsendungen im Internet.«
Auszug aus der Onlinestudie 2009
Wenn es schon den medialen Wandel gibt, Menschen immer öfter auf Radio- und Fernsehgerät verzichten, dann muss doch sichergestellt sein, dass auch im Internet die „Wahrheit“ verkündet wird. Das ist Grund genug, dass den ÖRRA eine Internet-Steuer zusteht. Sagen sie zumindest selbst. Ein sehr wichtiges Detail sagen sie uns jedoch nicht: Wie groß ihr Anteil an den 62% „Onlinern“ ist. Offenbar hat man beim Aufstellen der Rahmenbedingungen für die Umfrage geflissentlich übersehen, das zu differenzieren. Und gefragt werden ein paar Leute via Zufallsgenerator. Wobei der für die Zahlenerhebung des Eigenanteils nicht benötigt wird. Denn die ÖRRA wissen absolut präzise, wie viele Besucher auf ihre Seiten kommen. Wenn man schon Mitglied bei Infoline ist, dem „Anbieter von Internet Audience Measurement Services in Deutschland“ (Selbstdarstellung auf der Homepage), dann wertet man natürlich die eigenen Seiten damit aus. Aber man erzählt es niemandem. Wir wissen auch, warum.
Wenn man bei Infoline versucht, Zahlen über ARD und ZDF zu erhalten, schweigt sich die Suchseite aus. Allerdings hat die ARD die Zahlen auf einer gut versteckten, aber zugänglichen Seite veröffentlicht. Den angebotenen Zahlen zufolge hatte die gesamte Sendergruppe der ARD im August 2009 insgesamt 789.000.000 „page impressions“ (Eine Page Impression bezeichnet den Abruf einer Seite eines Angebotes durch einen Nutzer), im Juli waren es 861.600.000. Das klingt sehr stattlich. Bewegt man sich allerdings in den Zahlen von Infoline, zeigt sich, dass im August 2009 insgesamt 51.308.422.841 page impressions gemeldet wurden. Die ARD hat innerhalb des Messzeitraums demnach einen Anteil von 1,54% am Gesamtvolumen.
Es lässt sich erahnen, wie verschwindend gering der ÖRRA-Anteil bei den Video-Nutzern der Onlinestudie sein muss, denn ein Großteil der Seitenangebote der Anstalten besteht aus Text, "„programmbegleitendem Material“ oder Konkurrenzangeboten zu anderen Online- und Printmedien. Die halten sich dennoch recht tapfer, so hatte beispielsweise Spiegel-Online alleine(!) 526.114.744 page impressions im August, also allein dieser Anbieter (ohne Gebührenzuschuss) rund 67% dessen, was alle(!) ARD-Anstalten gemeinsam an page impressions erreichen.
Ach ja: Die von Infoline gezählten „page impressions“ sind nur ein Bruchteil dessen, was wirklich im Internet stattfindet. Denn bezogen auf die Anzahl verfügbarer Webadressen ist der Anteil der „gezählten“ Seiten nur ein Krümmel aus dem Rand unter den Fingernägeln. Im Oktober 2009 wurden mindestens 230.443.449 Websites gezählt, während Infoline lt. Liste 979 Angebote auswertet. Das sind 0,00000425% aller Websites. Und an dieser mikroskopischen Menge hat die ARD einen Anteil von 1,54%. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk findet im Internet demzufolge nicht messbar statt und die Onlinestudie ist nichts anderes als ein Mißbrauch der Leistung anderer (z.B. YouTube, etc.), um sich selbst aufzuplustern. Eine Antwort auf die Frage, warum wir Bürger eine Gebühr für etwas ohne Relevanz zahlen sollen, bleibt man uns schuldig.

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Kommentar von Manfred | 28.10.2009
na super,
Spiegel Online (fast) und die Privaten haben mehr page-impressions als ARD und die anderen ÖR.
Der Koksdealer um die Ecke hat auch mehr Geld als ich! Soll ich jetzt auch Dealer werden?
Es kommt nicht darauf an, wie oft was geklickt wird, sondern was geklickt wird.
Solange die ÖRs keine links auf die neue Unterwäsch-Kollektion von Heidi Dumm setzen wird das ewig so bleiben. Und das ist auch gut so.
Kommentar von Ehrhard K. | 28.10.2009
Das Koksdealer-Beispiel find ich gut. Das ist wohl das Sinnbild für die öffentlich-rechtlichen Anstalten: Bieten immer mehr Dreck an und kassieren dafür ein Heidengeld.
Ob Heidis Wäsche das Dilemma der ARD/ZDF-Anstalten lösen würde, was die Klickrate betrifft, - wer weiß. Ob das Angebot ohne Heidis Wäsche höherwertiger oder gar werbefreier als bei Spiegel, Focus und Co ist, darf jedoch angezweifelt werden.
Ich denke da nur an die aktuelle "Creme-Werbung" für einen Konzern, "Schleichwerbung" trifft es da ja nicht mehr, dass war ja "Schaulaufen mit Blankziehen".
Kommentar von R.H. | 29.10.2009
Die Klickrate als Maßstab für Erfolg ist sicher ein zweischneidiges Schwert. Für Qualität ist es erst recht kein Maßstab. Aber mit dieser Form der Argumente haben ARD und ZDF mit Onlinestudie etc. angefangen. So Sprüche wie "Qualitätsfernsehen" oder "erste Reihe", "besser sehen" bedeuten im Umkehrschluss, dass man sich prüfen lassen muss. Und wenn die selbst erhobenen - mit Gebühren bezahlten!!! - Statistiken nicht oder nur schwer öffentlich zugänglich sind, dann ist das ein weiterer Skandal. Wenn ich als Bürger für was bezahle, dann gehören die Resultate mir mindestens ebenso, wie dem Intendanten.