Viel Geld für ein paar Nummern
30.05.2011
Welchen Betrag nimmt wohl eine Frau mit nach Hause, die bei einem Boxkampf spärlich bekleidet zwischen den Runden ein Schild mit der Rundenzahl im Ring präsentiert? Was sie dafür tun muss, um den Job zu bekommen, wollen wir hier gar nicht hinterfragen.
Das erfolgreichste Nummerngirl in Deutschland ist zweifellos Frau Lierhaus. Als erfolgreiche Moderatorin wurde sie vom Schicksal hart und frontal getroffen. Dafür gebührt ihr ohne Frage Mitgefühl. Dass sie als Aushängeschild der Fernsehlotterie, selbst betroffen mit einer Behinderung, konzeptionell eine markante Idee ist, ist für die öffentlich-rechtlichen auf den ersten Blick bemerkenswert. Allerdings unterstreicht es den Lotterie-Charakter der Veranstaltung: Welcher vom Schicksal geschlagene hat im Leben schon die Chance, dass er für eine Arbeitszeit von rund einer Stunde netto 450.000 € erhält?
Sicher. Frau Lierhaus muss ihre Rechnungen bezahlen. Allerdings lässt bereits die Vorgeschichte annehmen, dass Sie — eingebettet in den Schoß der öffentlich-rechtlichen Anstalten — bestens versichert ist und immer ordentlich ihre Prämien eingezahlt hat. Berta vom Band hätte vermutlich gar keine Chance auf die Hirn-OP, die Frau Lierhaus unerfreulicherweise ins Unglück stürzte. Berta würde wohl einfach sterben oder in einem Heim einen der (zu) wenigen Pfleger vollsabbern und hätte kaum im Ballkleid vor laufenden Kameras die Nation mit einem Heiratsantrag zu Tränen gerührt. Jeder Lotterie-Teilnehmer stellt sich unwillkürlich die Frage, wer was von seinem Los hat: Die sabbernde Berta mit nur Pech im Leben, oder die heiratswillige Monika mit ordentlich Aussteuer.
Dass Prominente sich für soziale Belange einsetzen und damit weniger Glücklichen etwas von Ihrem Glanz in unterschiedlicher Form der Unterstützung abgeben, ist toll. Dass sie sich mit dieser Aktion zuvorderst selbst „helfen“, lässt mangelndes Fingerspitzengefühl erkennen. Sowohl von der Person als auch von den dafür Verantwortlichen.
Wie sooft, merkt man bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten «hinterher», dass da wohl was dumm gelaufen ist. Zum Glück ist die Fernsehlotterie eine eigenständige Gesellschaft und Ausgründungen sind in so einer Situation eine coole Sache. Denn: Da kann man dann ja nichts machen, aber so tun, als wäre man wahnsinnig kritisch. Dass man die Macht über den Sendeplatz hat und damit seiner Kritik Taten folgen lassen könnte, wird dabei geflissentlich übersehen.
Im Hinblick auf Frau Lierhaus muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob es sich bei dem Betrag womöglich um vorauseilendes Schmerzensgeld handelt. Denn immerhin wird hier jemand mit einem Gebrechen agressiv zur Schau gestellt. Das ist ein Form von Voyeurismus, wie man ihn bisher nur aus der Fußgängerzone mit bulgarischen Körperbehinderten, organisiert von Schlepperbanden, kennt. Das Ziel ist in beiden Fällen das Gleiche: Das Geld der Betrachter. Womöglich wollte man bei der ARD einfach mal etwas machen, wovor sogar RTL2 in «Big Brother» zurückschreckt.
Selbstverständlich verdienen Menschen mit Einschränkungen unsere Rücksicht und unseren Respekt. Aber genauso, wie man darüber nicht hinter vorgehaltener Hand tuschelt, kann es nicht angehen, dass sich Betroffene das Ihnen zustehende Mitgefühl abkaufen lassen. Denn das verhöhnt alle, die keinen Platz an der Sonne haben.
