Relative Wahrheit
30.05.2010
Die „heute“-Redaktion wird vom ZDF gern als die Speerspitze des freien Journalismus dargestellt. Das ist eine ganz logische Konsequenz, weil man ja mit zwei Augen besser sieht. Mit einem im Vergleich zu «den Privaten» extremen Personaleinsatz bekommen wir Journalismus aus aller Welt. „Viel hilft viel“ ist da die Devise. Denn wenn der eine Journalist an einer Story bastelt, muss ja wenigstens noch einer da sein, der ggf. einer aktuellen hinterherspüren kann. Wer gelegentlich ZDFinfo schaut, kennt sicher die informativen und unterhaltsamen Berichte aus England. Daran arbeiten mittlerweile drei Journalisten – und mit großer Wahrscheinlichkeit unterhält jeder ein eigenes Team aus Kameramann, Tonmann, Lichtmann, … , wie gesagt: „viel hilft viel“.
So schön die hier zitierten Berichte sind, so fehlt ihnen allen ein entscheidendes Merkmal: Das, was Journalismus ausmacht. Die ZDF-Nachrichtenredaktion versteht sich offenbar als „Berichterstatter“, nicht als „Wahrheitsfinder“. Da wird eventuell vorsichtig kommentiert, aber immer nur Wahrheiten, die jeder andere Sender ebenfalls bietet.
Gelingt dann einem Team der prämierten Comedy „Heute Show“ ein wirklicher Coup, indem ein Pressesprecher der Pharmaindustrie dazu hingerissen wird, „Tacheles“ zu reden, dann passiert das Unglaubliche: Der Programmdirektor Thomas Bellut rügt, dass mit dem Hinweis auf das «heute journal» ein interessantes Stück Wahrheit (die sich darüber hinaus sowieso schon jeder gedacht hat) von einem offiziellen Sprecher eingeräumt wird.
Diese Reaktion des Programmdirektors legt den Schluss nahe, dass Interviews und Berichte der «Heute»-Redaktion offenbar nur in Abstimmung und zur Interessenwahrung der Befragten produziert werden. Der kritische Blick ist unerwünscht bei „Hofberichterstattung“. Mit diesem Wissen relativiert sich der Wert „zweiäugiger“ Nachrichtensendungen. Denn wenn Herr Bellut sich davon beeindrucken lässt, dass ein offizieller Pharmasprecher jammert, man habe ihm doch versprochen, die ehrlichen Passagen rauszuschneiden, drängt sich die Frage auf, was Herr Bellut macht, wenn es um wirklich neue und ausgesprochene Wahrheiten geht. Beispielsweise von der Atomindustrie oder Herrn Westerwelle oder „uns Angie“. Und die nicht wollen, dass man das sendet.
Da sind solche Erfolgsformate wie «Unser Star für Oslo» doch eine echte Labsal. Kommt zwar bei der ARD, ist aber öffentlich-rechtlich, da strahlt dann schon der ein oder andere Erfolgsblitzer auf das ZDF ab. Jetzt hat man es «den Privaten» aber mal richtig besorgt – und einen Beleg, dass GEZ-Gebühren was ganz Tolles sind. Denn nur mit diesem Geld können Kim Fischer und Sky du Mont quer durch Europa reisen und Blubberinfos zu den jeweiligen Teilnehmerländern vor Ort zum Besten geben. Die Reminiszenz an das Vergangene wird bei der ARD höher bewertet, als die parallel stattfindenden Vorentscheidungen (die wurden bei «Einsfestival» übertragen, den fast niemand auf der Fernbedienung findet). Oder das «Wort zum Sonntag» aus Oslo, weil man den Pfarrer hingekarrt hat.
Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass die eigentlichen Akteure nicht aus den Reihen der GEZ-finanzierten Sender kommen. Allen voran Herr Raab mit seinem Team (Pro 7), den man nicht mögen muss, aber der unbestreitbar ein Händchen für erfolgreiche Formate und erfolgreiche Musik hat. Oder HAns-PEter Kerkeling (RTL), der sprach- und situationsgewandt vor dem größtmöglichen Fernsehpublikum eine Punktevergabe zelebrieren kann.
Aus dem Einheitsbrei der angebotenen Titel hat Lena musikalisch und mit ihrer Präsentation herausgeragt. Die Punktedifferenz zum Zweiten zeigen, dass man „den Deutschen“ wieder Punkte geben kann, selbst wenn wir mit einer fröhlichen, aber teilweise auch sperrigen Interpretin auftreten. Vielleicht war es gerade das. Endlich mal eine Persönlichkeit und keine Lackaffen. Danke Lena und Glückwunsch zum Erfolg.
Die Hofschranzen bei der ARD werden sich jetzt gegenseitig die Schultern wund klopfen, wie toll sie das gemacht haben. Doch bereits die Siegerkonferenz lässt in neue Abgründe blicken. Wenn NDR-Intendant Lutz Marmor mitteilt „in welcher Stadt das große Finale stattfindet, werden wir nach sorgfältiger Prüfung entscheiden“, gibt er den Startschuss für die Bürokraten und Korinthenkacker hinter den Kulissen. Allein die Frage, wen die ARD aus ihren Reihen in eine internationale Moderation schicken könnte, lässt erschauern. Der Gedanke, wie jetzt dort die Machtstreitereien, wer, mit wem, wo,… - hat da fast schon wieder etwas Belustigendes. Denn der Mann, der den Erfolg durch ernsthaftes, engagiertes, persönliches Bemühen in den letzten 10 Jahren herbei geführt hat, war bis vor kurzen lediglich im Zentrum von Klagen des NDR. Die mögen zwar berechtigt gewesen sein, allerdings zeigt Herr Raab mit der Kooperation, wo die Kompetenz zu Hause ist. Hätte Raab den NDR verklagt, würde der noch Jahrelang schmollen und hätten aus nackter Verzweiflung vermutlich Mehrzad (den «Superstar» von RTL) nach Oslo geschickt. Die Engländer hätte das sicher gefreut, denn dann wären sie weiter vorne gelandet.

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