Keine Wahl
19.01.2009
Natürlich. Die „Hessen-Wahl“ war der „Startschuss“ für das «Superwahljahr». Ein Jahr mit dem Attribut „super“ versehen, weil mehrmals Politiker gewählt werden sollen - dass können sich nur Medien ausdenken. Vermutlich ist es bei denen ein „Supereinkaufstag“, wenn bei einem Harz IV-Empfänger mal 60 Cent für die «Bild» übrig bleiben. Oder ein „Superesstag“ wenn die Reste einer der vielen Kochsendungen ins Nachrichtenstudio gebracht werden.
Den Startschuss verpassen - klar, das will niemand. Aber genau hier liegt ein großes Mißverständnis vor. Denn ein Startschuss fällt bei einem Wettrennen. Aber - objektiv betrachtet - sind mehrere Wahlen in einem Jahr kein Rennen. Sondern einfach das Ergebnis schlechten Timings in einer Demokratie. Denn dadurch wirken kurzfristige Effekte viel stärker auf Resultate bei Wahlen, als sie es bei gleichmäßiger Verteilung täten. Außerdem könnten dann grob überschlägig jedes Jahr vier Wahlen stattfinden, es wäre normal und das würde keinen zu einer schwachsinnigen Schlagzeile hinreißen.
Die falsche Wortwahl führt jedoch dazu, dass speziell die ör-Sender meinen, sie müssten sich nun mit Ihren Außen- / Innen- und sonstigen Teams ein Berichterstattungsrennen liefern. Das unterscheidet sich im Ergebnis letztendlich nicht - denn es wird ja jeweils über das gleich Ereignis berichtet und die Resultate unterscheiden sich nur anfangs in den Hochrechnungen. Wer der beiden „großen“ ör-Sender jetzt richtiger oder falscher überschlagen hat oder es eine Minute früher vermeldet hat - ist das wirklich relevant? Insbesondere, wenn man mal dagegen hält, was der Mitarbeiterstab für das „früher kommen“ kostet. Das mag zwar die Macher aufgeilen, aber wie beim Sex geht das auf Kosten des jeweils anderen, in diesem Fall zu Lasten der Gebührenzahler.
Daraus entsteht zu allem Überfluss eine völlig widersinnige Hektik bei den Parteien - sowohl den politischen als auch den medialen - wenn die Schlacht um die Kandidaten und die Sender ausbricht. Jeder will natürlich die „Spitzenkandidaten“ der Parteien haben. Die müssen - natürlich - auch in jedem Sender das Gleiche sagen, Hauptsache, sie haben ihre Fresse in möglichst viele Kameras gehalten und keinen möchtegern Pulizerpreis-Reporter verprellt. Wer weiß, wozu man sich mal gegenseitig braucht.
Solang keine „Spitze“ zu greifen ist, blubbert entweder jemand aus der zweiten Garnitur - wobei das viel entspannter ist, denn davon gibt es genug für alle - oder die Sender zeigen simultan eine Rede von jemanden der gerade meint, in diesem Augenblick etwas Wichtiges sagen zu müssen. Und weil man nicht weiß, ob es das vielleicht wirklich ist, muss man live dabei sein. Sonst käme man ja zu spät.
Ist die Berichterstattung durch Dopplung objektiver? Wohl kaum, insbesondere, da sich das Ergebnis am späten Abend einer Wahl dadurch nicht ändern würde. Das konnte man sich dann heute nacht in aller Ruhe bei einem alkoholischen Tranquilizer im HR für jeden Wahlkreis reinziehen. Amtlich und ohne Hektik. Und für den HR war das Nachtprogramm gerettet. Das Rennen um den ersten Platz bei der Meldung ist ebenfalls zweifelhaft: Die Meldung wird damit lediglich entsprechend früher Makulatur oder beschämt durch die erforderliche Nachbesserung. Das ist der Vorteil einer Zeitung: Die quält nicht mit ständiger Korrektur, sondern bringt einfach das amtliche Ergebnis am nächsten Morgen - das einzige, das zählt.
Interessant waren lediglich die verstärkten Anstrengungen der Sender, verstärkt das Medium Internet in die Wahl mit einzubeziehen. Mit MTV-Moderator, „Twittern“, „Bloggen“ und herumtreiben in Foren will man wohl untermauern, dass das - genau genommen hier zweckfreie - Herumtreiben der ör-Anstalten im Internet urs wichtig und daher kostenpflichtig sein muss. Noch so ein Mißverständnis.
