Streaming-Gefühle für Alle!
26.06.2008
Gestern Abend in Deutschland. Alle sind angespitzt auf das „Schicksalsspiel“ Türkei vs. Deutschland. Also eigentlich ein großer Teil Deutschlands gegen einen kleineren Teil Deutschlands. Jedenfalls auf beiden Seiten Bundesliga-Kicker. Und dann das: NICHTS MEHR!
Selbst wenig bis gar nicht Interessierte wurden von dieser Welle mitgerissen: «ÖÖÖÖÖ!», «Was ist denn das jetzt!» — «SCHIEBUNG!» hallte es durch das Land. So reagiert das Volk, wenn das Fernsehen nicht geht. Zumindest, wenn es viele sind. Den paar unerschütterlich Technikbegeisterten, die es per Stream versucht haben mögen, wäre es womöglich sonst gar nicht aufgefallen: Sie waren jetzt wirklich „eins“ mit der Nation.
«In den Kneipen wurde es still - bis auf Réthys Stimme. So muss es 1954 beim WM-Finale gewesen sein, als alle um die Radios herumsaßen und dem Geschehen aus Bern und der Reportage von Herbert Zimmermann lauschten.»
Als «Streamer» kennt man das ja. Bildaussetzer und Hänger. Der Nation ist sowas noch fremd. Und das ZDF bewies, dass man vor Vielen dann doch gehörigen Respekt hat und dass dort ein paar Leute sitzen, die ihr Handwerk verstehen. Im Internet bringt es nichts, in Windeseile das Schweizer Fernsehen anzapfen und weiter senden. Wenn der Stream steht, dann steht er. Da hat der verantwortliche Sender keine Verfügungsgewalt über das Medium. Über Satellit hingegen spielten die Mainzer Ihre Kompetenz und Reaktionsschnelligkeit aus.
Mal eben den Transponder der Schweizer anzapfen, den Reporter über Telefon in die Bild-Übertragung einbauen — das ist ein kleines Meisterstück. Offenbarte allerdings ein weiteres, dem «Streamer» bekanntes Phänomen: Dass Tore fallen, bevor man sie sieht. Denn am Telefon war Béla Réthy etwas schneller mit den Erklärungen, als der Ball im Bild. Akustisch lag er schon im Tor, während das Bild sich noch bemühte, ihn dort hin zu bekommen.
Da fragt man sich schon, wozu viel Geld in neue Technologien investiert wird und die ÖR-Chefs darauf pochen, wenn das Resultat mit bereits vorhandener und abbezahlter Technologie gleichermaßen erhältlich ist. Nur mit dem Unterschied, dass gestern Abend jemand beim ZDF die Volksseele beruhigt und sich zumindest einen ZDF-Orden verdient hat. Überlastete Internet-Leitungen wären selbst für solch einen schlauen Kopf eine unlösbare Aufgabe.

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