Klein reden

20.10.2008

Wer hätte das gedacht: Herr Reich-Ranicki hebt den Finger und die öffentlich-rechtlichen Anstalten machen daraus ein«Aus gegebenem Anlass». Der Anlass: ein renommierter Literaturkritiker, der sowieso die Nation in zwei Lager spaltet, verweigert einen Preis. Einen Preis, von dem man sich fragen muss, wofür er ihn überhaupt erhält.

Möglicherweise ist genau der Preis das Unwürdigste der ganze Veranstaltung. Denn der Preis für einen renommierten Literaturkritiker sollte wohl das ansonsten naive Sortiment mit ein wenig intellektueller Würze aufwerten. Offenbar hatte man unterschätzt, dass der liebe Herr Reich-Ranicki seinen Verstand nicht nur würdigen lassen, sondern auch gebrauchen würde.

Wer nun meinte, Herr Reich-Ranicki wäre einfach nur grantig gewesen, weil der Magen geknurrt oder die Blase gedrückt haben könnte, wurde eines besseren belehrt. Freitagabend, „ausgegebenem Anlass“, wiederholte er seine Vorwürfe und provozierte damit die Fernsehschaffenden zur Gegenwehr. Frei nach dem Motto, man könne Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, wurde in Zweifel gezogen, dass ein Literaturkritiker auch Fernsehen kritisieren könne.

Das ist ein hochinteressanter Standpunkt. Was man nicht aushält, darf man nicht kritisieren. Das ist in etwa so, als ob nur Neonazis über Neonazis berichten dürfen, Hardcore-Säufer über Alkoholprobleme, und Puffmuttis über Potenzprobleme. Wie können sich demnach Reporter von Tagesschau und sonstigen Nachrichtensendungen erdreisten, uns von Dingen zu berichten, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben. Reporter, die keine Soldaten oder wenigstens Zivilisten (sog. „Kollateralschäden“) erschossen haben, braucht man uns demnach gar nicht als Berichterstatter über den Krieg vor die Nase setzen, was wissen die schon.

Kritik ist augenscheinlich im Rundfunk nur gut, wenn sie in den Kram passt. Wenn nun jemand, dessen Kritik gerne verwendet wurde, um eigene Standpunkte zu untermauern, sich gegen einen wendet - na dann ist er eben ein Fachidiot. So einfach ist Rundfunk.

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