Hochleistungssport Rundfunkmoderator
16.02.2009
Der Tagesspiegel beschreibt in einem Bericht die Arbeit eines Radio-Reporters. Was so einfach für uns Zuhörer scheint, ist mentaler Hochleistungssport. Immerhin ist bei den öffentlich-rechtlichen Berichterstattern Doping zulässig (Bier, Zigaretten und Heizstrahler), aber das schmälert den Respekt vor einer solch anspruchsvollen Arbeit keineswegs. Abschließend hält der Bericht indirekt ein Plädoyer für das Radio, denn „Das Fernsehbild ist immer noch einen Tick langsamer“ bedeutet wohl unzweifelhaft, dass es weiterhin gute Gründe für das Radio gibt.
So lässt sich Radio - im Gegensatz zu allen anderen Medien - praktisch störungsfrei in den Tagesablauf integrieren. Ich muss meinen Blick nicht abwenden (Fernsehen) oder gar an einer Tastatur herumspielen (Internet), damit mich das Gewünschte (Unterhaltung, Information) erreicht. Immer vorausgesetzt, ich will gleichzeitig noch etwas anderes tun.
Die anderen Medien kosten mich faktisch viel mehr Zeit. Denn nur sehr wenige Tätigkeiten können erfolgreich parallel zum Fernsehkrimi ausgeführt werden. Wobei Frauen dabei meist produktiver sind (z.B. Stricken, Bügeln) als Männer (Bier trinken, Chips essen,...). Allerdings werden wir schon stark reduziert. Der Blick muss in eine bestimmte Richtung gehen, wenn ich mich abwende, verpasse ich schon mal was.
Das Internet ist vermutlich deshalb noch immer bei Männern stärker beliebt als bei Frauen, weil sie dabei ihre Tätigkeiten (Bier trinken, Chips essen,...) einfacher simultan realisieren können als Frauen (stricken, bügeln,...). Denn sobald eine Tastatur (egal ob „richtig“ oder Handy-Mäuseklavier) oder eine Maus ins Spiel kommt, ist es endgültig mit der Bewegungsfreiheit vorbei. Wer jetzt argumentiert, mit dem Handy sei das nicht so, kann während einer Autofahrt durch einen Hindernis-Parkours versuchsweise mal einen Krimi als Hörbuch hören und im zweiten Durchgang das Ganze als Videostream im Handy anschauen. Diese Reihenfolge ist wichtig, damit es überhaupt zum zweiten Durchgang kommt.
Hier wird deutlich, welche zeit- und güterzerstörende Kraft in den „visuellen“ Medien schlummert. Das soll jedoch keineswegs heißen, das Radio habe diese Kraft nicht. Insbesondere die privaten Rundfunksender haben Formate, die für so manchen Mitmenschen zum persönlichen Waterloo werden können. Mal sehen, wann die ersten Betroffenen auf die Idee kommen, die Sender wegen seelischer Grausamkeit oder evtl. sogar wirtschaftlichem Schaden, der durch die Öffentlichkeitswirkung eines fehlgeleiteten „Rundfunk-Spasses“ entstehen kann, zu verklagen. Möglichkeiten gäbe es dafür sicher. Glauben Sie nicht? Dann nehmen Sie sich mal fünf Minuten Zeit für den nachfolgenden Radio-Mitschnitt. Wobei vorweg geschickt werden muss, dass diese Radio-Reporter keine Hochleistungssportler sind, sondern eher die Frage aufwerfen, wie sie den Weg ins Studio gefunden haben. Tipp: Starten, Augen zu und nur zuhören, für das „echte“ Radio-Feeling.
