Sinnlose Fragen

26.09.2009

Seit Wochen werden wir mit Hochrechnungen überflutet, die den vermeidlichen Wahlausgang prophezeien. Aber wie es wirklich ausgeht, entscheidet sich am Wahlsonntag. Bis dahin wird vor allem eins getan: Rundfunkgebühren verbrannt.

Denn eine „Wahlprognose“ kostet natürlich Geld. Im öffentlich-rechtlichen Fall soll es ja eine „genaue“ Prognose sein, da reichen keine 1000 Befragten, da darf es ruhig ein bisschen mehr sein. Die Prognose als Wirtschaftsmotor. Allein die Frage „Was wäre, wenn nächsten Sonntag Wahl wäre“ ist ein Gebühren­verbrennungs­ofen erster Klasse: Es ist nicht jeden Sonntag Wahl! Die wöchentliche Veränderung des „Wählerverhaltens“ – dass sich am Wahltag häufig undankbarerweise nicht um die Vorhersagen kümmert – interessiert genau genommen nur die, die damit ihr Geld verdienen. Darüber hinaus ist die Frage so sinnlos wie ein zweiter Bauchnabel. Denn es spielt keine Rolle, was „wir“ wählen würden, weil wir es nicht tatsächlich tun dürfen. Wir müssen bis zur nächsten „richtigen“ Wahl das Elend aushalten, dass wir uns bei der letzten „richtigen“ Wahl eingebrockt haben.

Dazwischen darf man sich zwar viel wünschen, aber müssen uns die öffentlich-rechtlichen mit gebührenfinanzierten Projektionen von Träumereien den Tag versauen? Je nach politischer Neigung sind immer genug dabei, denen mit solchen Prognosen die Laune verjagt wird, denn die Polarisation auf zwei „Volksparteien“ ist bis auf weiteres vorbei. Tendenziell kann sich – wenn man den Prognosen Glauben darf – grundsätzlich immer nur eine Minderheit freuen, ein paar dürfen eventuell ein bisschen hoffen und der Rest das Beißholz bemühen.

Allerdings werden wir mit diesen Umfragen politisch „eingenordet“. So gibt das Umfrageinstitut „taktische Empfehlungen“, wie man wählen müsse, damit die eigenen Wünsche in Erfüllung gehen. Also übersetzt: Welche Oma man fragen muss, damit man den teureren Teddy bekommt. Da wird analysiert, gemahnt, dass Vorveröffentlichungen von Ergebnissen ganz böse sind (außer den eigenen Prognosen natürlich), für jede Couleur und z.T. bundeslandabhängig ein Wahlvorschlag unterbreitet. Alles natürlich hoch wissenschaftlich und genau.

Aber … – warum ich diesen Empfehlungen folgen soll, erklärt niemand. Das Angebot ist für „Wissende“, die eine klare Präverenz haben oder für „Rächende“, die einer Partei einen Dämpfer verpassen wollen. Für „Suchende“ ist es lediglich eine Schaufel Sand – in der Wüste. Mit dem, was die Politik verzapft und den Inhalten der Parteien setzt sich „Meinungsumfrage“ nicht auseinander. Wobei genau das doch die spannenden Fragen sind:

Wählen die Menschen CDU, weil „Angie“ eine Frau ist – oder deshalb nicht?

Wählen die Menschen die Grünen nicht, weil Fischer nicht mehr dabei ist – oder gerade deswegen?

Wählen die Menschen die FDP, weil die einen schwulen Chef haben – oder gerade deshalb nicht?

Aber das hat ja noch nichts mit der Parteipolitik zu tun, das läuft noch unter (errschreckend relevantem) „Klatsch und Tratsch“. Politisch relevante Themen wären beispielsweise «Die CDU will womöglich neue Atommeiler einführen. Was halten sie davon?» oder «Die Grünen wollen die Atommeiler abschalten, aber haben keine Idee, wohin mit dem Atommüll, weil Gorleben wollen sie ja auch nicht. Ist das widersprüchlich?» oder «Die FDP will die Besteuerung von Biokraftstoffen abschaffen, weil ihrer Meinung nach deshalb Urwälder zerstört würden. Will die FDP die „besseren Grünen“ sein?»

Mit diesen (willkürlichen) Fragen könnte eine Meinungsumfrage meinungsbildend und informativ werden. Sprich: Befragte werden damit womöglich aus dem Tal der Ahnungslosen geholt. Und bekommen aufgezeigt, dass Politik viel mehr ist, als Gipfeltreffen, sich gegenseitig anbrüllen und besser Wissen, obwohl man eigentlich das Gleiche will. Aber tiefgreifende, womöglich meinungsbildende Information ist offenbar unerwünscht. Zumindest nicht bei den öffentlich-rechtlichen, weil dann könnte man damit ja einer Partei auf den Schlips treten und einen Parteibuch-Träger im Haus gegen sich aufbringen. Oder schlimmstenfalls seinen öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag erfüllen.

Auch wenn bei diesem Affentheater keine Wahl die beste Wahl scheint: Tun Sie es nicht: Es nicht tun. Gehen sie hin. Wenn ihnen gar nichts einfällt, geben Sie einen ungültigen Stimmzettel ab – das ist auch ein Votum. Zeigen Sie den Parteien damit, dass sie ratlos sind und sich nicht vertreten fühlen. Und geben Sie den Meinungsforschern Stoff für neue Spekulationen. Die werden mit Ihren Rundfunkgebühren so oder so spekulieren. Nicht hingehen ist Desinteresse. Hingehen und keinen Wählen ist Protest, der keiner anderen Partei hilft. Eine völlig neue Dimension für die Meinungsforschung.

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Dazu ein interessanter Link: Die Mär von den „verlorenen Stimmen”

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Kommentar von RL | 26.09.2009

Über die ständigen Walhlumfragen, auch wenn lang und breit keine Wahl ansteht, habe ich mich auch schon geärgert,und daß diese mit Zwangsgebühren finanziert werden. Vermutlich wollenn aber die Parteibonzen diese Umfragen, für sie mögen sie von Interesse sein.Für die Parteien ist es natürlich kostengünstiger, wenn die Umfragen vom Gebührenzahler finanziert und nicht aus der Parteikasse.

Kommentar von MM | 01.10.2009

Off-topic: Mich interessiert vor allem, was Schwarz-Gelb nun in Sachen GEZ tun wird. Angeblich sind die Länderchefs ja seit Jahren daran, eine veränderte Lösung für das Thema Rundfunkgebühren zu entwickeln, nur es passiert nichts.

Bei der FDP steht ja was zur GEZ im Programm, aber vor lauter Atommeilern etc. muss man sich fragen, ob so ein Nischenthema wie Rundfunk bspw. in den Koalitionsverhandlungen überhaupt angeschnitten wird oder gar im Vertrag landet.

So richtig will ja seit Jahrzehnten keiner an das Thema ran...