70.000

27.12.2009

Diese Zahl macht den NDR stolz. Denn so „viele“ Webstreams hat man laut eigener Aussage schon mal gleichzeitig bedient. Hält man sich vor Augen, dass allein in Niedersachsen 7,9 Mio. Menschen leben, sind das gerade mal 0,9%.

Was taugt ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der stolz darauf ist, mit einem Medium nur ein Bruchteil der Bevölkerung zu erreichen? Was würde denn passieren, wenn beispielsweise die Hälfte aller Braunschweiger auf die Idee käme, das gebührenbehaftete Internet tatsächlich mal zum Radiohören von NDR2 zu nutzen? Wenn 70.000 einen Spitzenwert darstellt, wären rund 120.000 überhaupt noch leistbar? Was passiert bei diesem Zulauf mit anderen Diensten im Internet? Bei der erforderlichen Bandbreite dürften einige Provider durchaus die berechtigte Frage stellen, ob öffentlich-rechtlicher Rundfunk womöglich ein schmarotzender Störer ist. Denn im Gegensatz zu anderen Anbietern mit vergleichbaren Leistungen lassen sich die gebührenfinanzierten Anstalten allein ihre Anwesenheit mit Gebühren bezahlen. Und beten vermutlich heimlich im Keller, dass möglichst wenige das Angebot nutzen, weil dann offenbar würde, dass man nicht ansatzweise damit klar käme, wenn die gern unterstellte Nutzung des PCs als Radio- bzw. Fernsehalternative tatsächlich stattfände.

Frecherweise kassieren sie, für die Infrastruktur des Systems unternehmen die öffentlich-rechtlichen Anstalten aber nichts. Allein aus ihrer Anwesenheit leiten sie den Anspruch auf den GEZ-Obulus ab. Das ist in etwa so, als ob Sie Ihrem Discounter jeden Monat 17,98 € überweisen müssen, weil er bei Ihnen in der Stadt und über eine der vielen Straßen erreichbar ist. Das finden die Ministerpräsidenten völlig in Ordnung, die haben das so beschlossen. Dass sie nicht zu diesem Discounter gehen, weil der ein Angebot hat, das Sie anderswo in vergleichbarer Qualtität oder sogar besser bekommen, interessiert die Politiker nicht. Sie halten am GEZ-Discounter fest. Zugegeben. Einige Spitzenprodukte gibt es wirklich nur bei diesem Discounter. Aber die werden vorzugsweise ganz hinten in den Regalen angeboten, dort, wo sie kein Mensch findet. Dabei wären diese Produkte, am Eingang präsentiert, ein grundlegender Anreiz, den Discounter „öffentlich-rechtlichen Anstalten“ regelmäßig zu besuchen.

Für viele Bundesbürger liegen lediglich die Nachrichten-Sendungen erreichbar im Programm. Der Rest wird ignoriert. Was nicht schwerfällt, denn das Angebot ist – bis auf aufzählbare Ausnahmen – angestaubt, angegraut, oder genauso doof anderswo verfügbar. Die Dinge, die „unabhängiges Qualitätsfernsehen“ auszeichnen, werden nur mit Videorecorder erreichbar. Zumindest für den arbeitenden Teil der Bevölkerung. Denn eine politische Satire mitten in der Nacht als Ausrede für Müdigkeit am Arbeitsplatz – das ist riskant, heutzutage verliert man gelegentlich schon wegen kosten des Buffets seinen Job. Das, was einen öffentlich-rechtlicher Rundfunk ausmacht, wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt: filmische Experimente, kritische Auseinandersetzung mit Themen aus Politik und Wirtschaft, das alternative Angebot zum Einheitsbrei. Nicht der Auftrag im Staatsvertrag ist maßgeblich, sondern die Quote. Das heißt: Die ganze Republik steht unter der Knute einer unbekannten Zahl von Quotenmachern. Denn nicht ihre Entscheidung mit der Fernbedienung zählt, sondern ein dubioses Knöpfchen-Gedrücke bei Leuten, die „den Durchschnitt“ darstellen. Genau das ist das Dilemma öffentlich-rechtlichen Anstalten: Statt „Qualitätsfernsehen“ drückt man sich selbst immer mehr auf „Durchschnittsfernsehen“.

Liebe Intendanten:

Wir wollen kein „Durchschnittsfernsehen“ für unsere Gebühren. Wir fordern dafür das, was Sie von sich selbst behaupten, aber nicht erfüllen. Und wenn Sie das Internet für sich vereinnahmen, obwohl es strukturell und technisch nicht ansatzweise dafür geeignet ist, ein Massenmedium wie Radio- und Fernsehübertragung via Antenne oder Satellit zu ersetzen, dann müssen Sie sich fragen lassen, wofür Sie Geld nehmen. Wenn der von Ihnen geweissagte Trend vom Fernseher zum Internet geht, dann liegt das einerseits an Ihrem – mit Verlaub – überwiegend grottigen Angebot für Normalbürger. Zum anderen dürfte schwer vermittelbar sein, warum alle für etwas zahlen, dass in Spitzenzeiten gerade mal etwas mehr als 1 Mio. Bürger (pro Sendeanstalt 70.000, wir legen bei allen die gleiche Technik zugrunde) nutzen können (das sind gerade mal etwas mehr als 1% der Gesamtbevölkerung). Wobei wir von Radiostreaming sprechen, nicht von Videoübertragung. Denn 1. Mio. zeitgleiche Zugriffe auf den Stream der Tagesschau um 20:00 Uhr – wir wollen uns gar nicht vorstellen, was dann womöglich passiert.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

*
*
Was ist die Summe aus 6 und 1?*

Wir bitten um Verständnis dafür, dass Kommentare erst nach vorheriger Sichtprüfung freigeschaltet werden und wir uns Kürzungen bzw. eine Nicht-Veröffentlichung vorbehalten, falls die Inhalte nicht den gegebenen Grenzen (Thematik, Ton, Relevanz,…) genügen. Deshalb verzögert sich die Anzeige Ihres Kommentars (das kann im Extremfall auch mal Tage dauern, wir bemühen uns jedoch um Zeitnähe). Daher bitte Kommentare nicht mehrfach senden.