Worauf ist noch Verlass?

21.02.2010

In der TV-Spielfilm 5/10 ist ihr eine „TV-Story“ gewidmet: Der Tagesschau. Zitat:«Seit fast sechs Jahrzehnten ist der 20-Uhr-Gong eine Institution wie das sonntägliche Glockenläuten.» Der Vergleich ist gut: Auchdie Kirchenhaben ein Anhänger-Problem …

Im Vergleich mit anderen Nachrichten-Sendungen im deutschen Fernsehen ist die Tagesschau überjeden Zweifelerhaben und – was den Informationswert betrifft – unerreicht. Vielleicht ist das einer der Gründe,warum die „Fanbase“ statistisch gesehen kurz vor der Rente steht. Die Jüngeren vermissen womöglich denUnterhaltungscharakteranderer Anbieter. Der geht da zwar zu Lasten der Informationsqualität, aber die müssen sich über Werbung finanzieren. Da muss man schon mal Kompromisse machen. Oder sich selbst eingestehen, dass man mit einer Handvoll Reportern, die man bedarfsweise über den Globus jagt, keine tiefschürfenden Berichte erwarten darf, wie sie ein Korrespondent der ARD erreichen kann, der dauerhaft vor Ort, oder zumindest in der Region ist. Ob diese Chance genutzt wird, ist nicht in jedem Fall gewährleistet, bei manchen Gelegenheitsrednern,die es an etwas seltenere „Points of Interest“ verschlagen hat, entsteht gelegentlich der Eindruck, dass sie von einem unerwarteten Einsatz hoffnungslos überrascht und überfordert sind.

So altmodisch der Gong klingen mag (der lt. TV-Spielfilm elektrisch per Knopf im Kellerausgelöst und via Mikrofon „live eingespielt“ wird), so altmodisch – aber genau deshalb wertvoll – sind dieMethoden: Da wird nicht gewartet, was Google gerade ausspuckt und abgelesen, da wird Information noch selbst, vor Ort, erhoben.Meistens.

Allerdings rüttelt die ARD selbst an den Grundfesten ihrer Institution. Wer diese Woche versuchthat, um 20:00 Uhr die Tagesschau zu sehen, konnte leicht verzweifeln. Da konnte es schon mal 21:30 Uhr werden, weil gerade irgend ein paar Menschen mit Brettern unter den Füßen im frühlingshaften Kanada aufpräparierten Schneepisten herumrutschten. Und das immer gleiche Live-Bild mit unterschiedlichen Protagonisten erschien den Programm-Machern wichtiger, wie eine 15-minütige Zusammenfassung dessen, was – objektiv betrachtet– womöglich wirklich wichtig ist. Fraglos hat es einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man sich verdeutlicht, dass es gerade am anderen Ende der Welt genau in diesem Augenblick einen Übereifigen auf die Kauleiste packt. Oder man selbst als Couch-Potato ahnen kann: Oh, jetzt … – gleich – das wird weh tun!

Allerdings hält das Interesse an den Schmerzen des Betroffenen genau so lange an, bis der oderdie nächste gepflegt mit der Nase eine Furche in den Schnee zieht. Warum das die «Tagesschau» zum Warten und zur Hast zwingt, lässt sich nicht recht nachvollziehen. So mancher aus dem Fanclub wird sich dann überlegen, ob «heute» reicht und sich von der ARD wegen Unzuverlässigkeit verabschieden. Wobei beim ZDF dieVerschiebefreudigkeitnicht minder groß ist.

Dass bei den Olympioniken alle brav ihre Sponsorenwerbung auf den Anzügen überklebt habenund die Banden mit fröhlichen Sportmotiven geschmückt sind, hindert die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher nicht, vorden sowieso schon verspäteten Nachrichten noch „Sponsoren-Informationen“ zu platzieren. Denen wird offenkundigeine höhere Wichtigkeit eingeräumt als einem etwas ausführlicheren Bericht über z.B. Günther,wenn er Englisch spricht – was zweifellos ebenfalls Unterhaltung der Extraklasse mit Unfallgarantie ist. Und diegleichenSchmerzen beim Betrachter verursachen kann, wie ein Slalom-Pfosten, der den Weg zwischen die Beine findet. Oder Guidos Harz-Hetze, die bei manchem Zuschauer möglicherweise eher den Puls erhöhen würde,als der Rückenklatscher bei Tempo 100.

Wer sich selbst nicht mehr wichtig nimmt, darf sich nicht wundern, wenn die anderen das genau sowahr nehmen, aber dann auch nicht jammern, dass das Interesse am Angebot abnimmt. Dass man den Sprung in die „neuen Medien“ nicht geschafft hat, ist ebenfalls messbar. Da dümpelt der unbekannt teure Auftritt der Tagesschau auf N24-Niveau. Daran wird auch eine kostenlose „App“ für das iPhone nichts ändern: Wer hipp sein will (= iPhone) schaut bestimmt nicht «Tagesschau». Das wäre ja nicht altersgerecht …

Zurück

Einen Kommentar schreiben