Kompetenz und Glaubwürdigkeit
13.03.2010
Wenn der ARD-Koordinator für Unterhaltung, Thomas Schreiber von Kompetenz und Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders in Musikdingen spricht,vergisst er geflissentlich auf ein kleines, in diesem Zusammenhangaber extrem wichtiges Detail hinzuweisen: Er spricht von der Leistung eines Mannes, den speziell der für den Grand Prix federführenden NDR bis vor Kurzem noch mit saftigen Klagen überzogund dem «die Entscheidungswege in der ARD sind derart kompliziert, dass sie mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar» waren. Glücklicherweisewar die Versagenspanik beim NDR offenbar so groß, dass man sich mit zwei Shows im Ersten zufrieden gab, den ausführenden Teil jedoch komplett Raab anvertraute. Der sich dann doch traute.
Denn es ist nicht der Volksmusik-Sender ARD, der die jungen Künstler zur Teilnahme motiviert. Es ist die belegteQualifikation von Stefan Raab, der sowohl als Teilnehmer, als auch Produzent deutscher Teilnehmer bereitsdrei Mal unter den ersten 10 den Grand Prix beschließen konnte. Die „kompetenten“ARD-Funktionäre servierten uns 2009 den Fremdschäm-Teilnehmer «Alex Swings Oscar Sings». Der Titel ist eventuell ein Proleten-Bolero („Kiss,Kiss, Bang, Bang“ vs. Ravel), aber bestimmt kein GrandPrix Gewinner-Titel. So gesehen hat er die Erwartungen voll erfüllt – er hat sich im „unteren Bereich“ platziert – dort,worauf man bei der ARD mit der Buchung von Dita von Teese als „ gelungene Ergänzung“ offensichtlichabzielte. Es sollten augenscheinlich nicht nur die Ohren erregt werden oder man war sich der musikalischen Schwäche des Titels bewusst. Vermutlichbeides. In jedem Fall wurde die Unfähigkeit einer Künstlerauswahl durch die öffentlich-rechtlichenAnstaltennachhaltig untermauert.
Dass man sich bei der ARD nun die Lorbeeren ans Revers heften will, weil man das, was hier ein Privatsender leistet, mit Gebührengeldern nicht hinbekommen hat, wirft die Frage auf, wie unverblümt öffentlich-rechtlicherRundfunk Realität und Wahrheit verdrehen darf. So findet sich unter «Eurovision.ndr.de» ein Abschnitt „beste Jurysprüche“, die zeigen, dass man bei der ARD nicht einmal in der Lage ist, einen Originaltonkorrekt ins Internet zu übertragen. So sprach Stefan Raab nicht von „sängerischer“ sondernvon „Atem“-Technik (wurde mittlerweile aus der „Hitliste” entfernt). Denn sängerisch hat Lena sehr wohl eine Technik – sie atmet lediglich „ohne Technik“.
Oder wenn AdelTawil davon spricht, dass «alle Leute sich wahrscheinlich nackig ausgezogen und Liebe miteinandergemacht» hätten (ab Position 2:09min), im „Zitat“ aber sittsamer „wahrscheinlich alle ausgezogen und Liebe gemacht“ formuliert wird.Sozusagen mit der Option auf Badehose und monogame Interaktion.
Wenn auf der Eurovison-Seite eine ARD-Reporterin – gut mit „Das Erste“-Mikro markiert –durch die Pro7-Technikstapft und stolz von der „Technik hinter der Show“ berichtet, fragt man sichschon, warum auf der ganzen Grand Prix Seite die maßgebliche Leistung von Pro 7 bzw. der Raab-Beteiligung nur als Randnotiz auftauchen. Denn dort erfolgte der Löwenanteil der Konzeption, Vorbereitung, Auswahl und Präsentation. Wem das Studio samt moderner Ausstattung gehört, lässt sich erahnen, wenn man bei Pro7 zusah, wie Herr Raab mit den sensationellen «heavytones» nach der „Starfür Oslo“-Show durch einen Flur in das „TV-Total“-Studio schlenderte.
Jetztist es geschafft. Ob uns der mit Telefonabstimmung gewählte Titel und die Künstlerin in derLänderwertungin den einstelligen Bereich heben wird, bleibt abzuwarten: Im Eurovisions-Kontest gelten eigene, unvorhersehbareRegeln. Das zeigt ein Blick auf die Gewinner der letzten Jahre. Da ist „die etwas andere“ Frau Meyer-Landrut in jedem Fall eine Vertreterin, für die man sich nicht schämen braucht – egal waspassiert. Ernüchterndist: Sie hätte es in mehrfacher Hinsicht bei einer öffentlich-rechtlichen Veranstaltung nicht geschafft.Viel zu komplizierte Musik von einer jungen Frau, die gegangen wäre, hätte man ihr diese Titel verwehrt.Ihre direkten, aber dennoch hintersinnigen Kommentare (Verstehst du deine Texte? – Klar - ich will ja nicht was Ekliges singen - so ‚Hallo, ich bin Frau Porno‘ oder so) legen nahe, dass sie das unbedingternst meinte. Spätestens bei Sätzen wie «Ich hab richtig Bammel - hab ‚ne richtige Kackwurst in derHose» hätten ARD-Produzenten mutmaßlich die Panikreissleine gezogen.
Jennifer Braun, von Raab als Königin der hohen langen Töne gelobt, als „Rampensau“ (JurorinStefanie Kloß, Silbermond) einer Coverband mit einer außerordentlichen, fraglos besseren Stimme, aber ohne dieses Etwas verrückt naive, hätte bei ausschließlich ARD-Machern mit Ihrer Stimmgewalt definitiv bessere Chancengehabt. Sie wäre dort jedoch niemals angetreten, wobei man ihr – davon abgesehen – dort erst gar keineGelegenheit gegeben hätte: Eine 18-jährige Singmaus aus der Provinz am Rhein, die hat ja kein „internationalesAppeal“ ala Sixpack-Oskar und Blankzieh-Ditta. Für den NDR muss das ein Schlag in die „Bang-Bang-Gegend“ sein:Egal wen man aus den letzten 10 von Raabs Auswahl nach Oslo geschickt hätte: sie oder er hätten uns würdiger vertreten, als die „Kuss-und Popp-Nummer“.
Vielleicht ist es ja ein Omen für die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Während man beim NDR daraufwartet, dass das Ziehen im Schritt nachlässt, gehen beim ZDF gleich komplett die Lichter aus.
